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Montag, 28. September 2009, 17:35

Nomenklaturregeln

Die Diskussion um die Benennung von Formen und Varietäten begann in einem der internen Redaktionsforen. Der Ausgangspunkt war die korrekte Benennung der als "Red Fire" bekannten Garnelenform.

Wir fanden die Auseinandersetzung so interessant und wichtig, dass wir ein eigenes Thema und sogar ein eigenes Unterforum für derartige, eher theoretische Fragen betreffende, Diskussionen eingerichtet haben.

Der Datenbankartikel zur Nomenklatur befindet sich hier:



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Und nun die Zusammenfassung der bisherigen Gedanken dazu:

schnippel


Zitat von »christinag«

N. denticulata sinensis var. "Red Fire" Ist eins der vielen verkehrten Schreibweisen. Es ist keine natürliche Variante sondern eine Farbzucht, daher ist diese Schreibweise inkorrekt.
Für Varietäten (var.) und Formen (f.) gibt es in der Zoologie keine Nomenklatur, warum ist das dann falsch? Ich bin auch nicht sicher, ob diese Garnele nicht zumindest ansatzweise rote oder sonst wie bunte Exemplare in der Natur vorweist, also könnte man zumindest "Form" voraussetzen.
Besser finde ich das, was die Botaniker machen: sie haben ein Cultivar-Epithet für Zuchtformen eingeführt, mit Regelungen für Anwendung und Registrierung. Die Roten wären dann korrekt bezeichnet als Neocaridina heteropoda 'Red Fire'


Zitat von »christinag«

Zitat von »Gerald«

Für Varietäten (var.) und Formen (f.) gibt es in der Zoologie keine Nomenklatur, warum ist das dann falsch?


Die Nomenklatur gibt es und ist allgemein im Gebrauch. Eine Variante muss in der Natur auffindbar sein und einen gewissen Unterschied aufweisen. Einzelexemplare sind soviel ich weiss weder eine Variante noch Form, da sie nur Einzelexemplare sind und keine Population. Wenn ein Wissenschaftler jedoch einTypusexemplar eines dieser Einzeltiere hinterlegt und sie als "Fundortvariante" bezeichnet, würden sie wahrscheinlich als Solche anerkannt werden. Bis ein anderer das wiederlegt ...

Natürlich rote "Populationen" gibt es sogar heute:
Es gibt immer wieder rote und auch blaustichige Garnelen dieses Formenkreises (um Rückenstrichgarnelen herum) die nach einiger Zeit Aquarienhaltung verblassen. Also sind auch solche Funde keine Variante oder Form, denn die Farbe stammt von Algen. Dieselben Tiere wären auf einem anderen Fundort blasser und genetisch nicht von der Nominatform zu unterscheiden. Also in diesem Falle auch keine echte Variante.

So wie Du "Red Fire" geschrieben hast ist das ok, das wäre als Sortennamen aufzufassen. Eventuell auch geschützter Sortennamen, wie etwa M. pteropus "Windelöw". dafür gibt es auch bestimmte Regeln.



Zitat von »christinag«

Die Nomenklatur gibt es und ist allgemein im Gebrauch.
Nicht, dass wir uns da missverstehen. Natürlich hat jedes Labor, jedes Institut und wahrscheinlich jeder Biologe sein eigenes Regelwerk dafür, aber diese sogenannten infrasubspezifischen Formen unterliegen nicht den Internationalen Regeln für die Zoologische Nomenklatur. Anderenfalls musst du mir zeigen, wo diese Nomenklaturregeln stehen, offizielle, meine ich.

An deinem nachfolgenden Beispiel kann man das auch festmachen. Wo steht, dass Farb"formen" genetisch bedingt sein müssen? DNA-Analyse ist auch keine Regel der ICZN, die schreibt nämlich ausdrücklich das Typusverfahren vor, die genetische Methode ist die der Phylogenetik, und da gibt es überhaupt noch keine gescheite Taxonomie.


Zitat von »christinag«

Zitat von »Gerald«

Nicht, dass wir uns da missverstehen. Natürlich hat jedes Labor, jedes Institut und wahrscheinlich jeder Biologe sein eigenes Regelwerk dafür, aber diese sogenannten infrasubspezifischen Formen unterliegen nicht den Internationalen Regeln für die Zoologische Nomenklatur.

Nein, daran glaube ich nicht. Jedes Institut mit Selbstachtung hat sich an den allgemeinen Regeln zu halten. Darüber hinaus gibt es natürlich Wissenschaftler, die sich in manchen Dingen nicht einig sind. Endler-diskussion bekannt?

Zitat

Anderenfalls musst du mir zeigen, wo diese Nomenklaturregeln stehen, offizielle, meine ich.

Bei manchen in der Praxis angewandten DIngen wirst Du im Internet nicht fündig werden.

Zitat

An deinem nachfolgenden Beispiel kann man das auch festmachen. Wo steht, dass Farb"formen" genetisch bedingt sein müssen? DNA-Analyse ist auch keine Regel der ICZN, die schreibt nämlich ausdrücklich das Typusverfahren vor, die genetische Methode ist die der Phylogenetik, und da gibt es überhaupt noch keine gescheite Taxonomie.
Und ausserdem: Alles, was im Internet auf verschiedenen Verkaufsstellen als Varianten angepriesen wird, sind es nicht.

Man nimmt bei der Definition einer Art nicht nicht nur einfache Umstände wie Farbe etz (spreche nur Morphologie hier) in Einwägung, sondern auch wie diese Farbe sich Weitervererbt und wie sie sich im Verhältniss zur Normalpopulation sowie der Populationen sympatrischer Arten verhält. Beispielsweise "Character displacement" ist eins der Dinge die in Erwägung gezogen werden müssen. Ist z.B. eine Art auf einem Fundort homogen gefärbt und auf einen anderen nicht homogen, dann heisst es trotzdem nicht, das es sich um eine andere Art oder eine Farbvariante handelt. Hier muss also bei der Namensgebung des Fundes eindeutig feststehen, dass es sich immernoch um dieselbe Art handelt. Wenn etwa die homogene Population dann umzieht, wo andere sympatrische Fische vorkommen, die der Art nicht ähneln, dann verschwindet der naturgebundene Zwang sich morphologisch dem anzupassen, und die Art kann wieder in ihre "normale Standardfärbung" zurückkehren. Und immernoch ist es die gleiche Art und keine Variante.

Das ist zumindest praxis so. Charles Tate Regan (1878-1943), Zoologieprofessor beim Britishen Museum in London, soll Folgendes gesagt haben: "Eine Art ist, was der damit befasste Spezialist dafür hält".

Wenn man die Absicht hat eine neue Art oder Variante zu definiieren, dann muss man (mindestens) ein räpresentatives Exemplar auswählen und als Typusexemplar ernennen. Aber man kann nicht irgendwelche Typen hinterlegen. Es müssen eigene, spezielle Kennzeichen vorliegen, aber alle Varianten taugen auch wieder nicht. Wie auseinanderhaltend diese Kennzeichen sein sollen oder dürfen, darüber streiten sich noch die Gelehrten.

Man unterscheidet heute zwischen drei verschiedene Artbegriffe; der morphologische (nach Carl von Linne, wurde bis zum 1900-Jahrhundert verwendet), der biologische (stammt aus den 30-ern) und der phylogenetische Artbegriff (der in den 60-ern ausgearbeitet wurde und auch heute wissenschaftlich angewendet wird). Um eine Art heute zu definieren, muss man phylogenetische Studien unternehmen. Diese können morphologische Studien, Beobachtungen von physiologischen Eigenschaften oder Studien auf DNA-basiertes Material der Art sein. Mit den Daten die man auf diese Weise eingesammelt hat, kann man dann eine Hypothese betreffend der Verwandtschaft zwischen den unterschiedlichen Organismen aufstellen.

Eine Hypothese, wie gesagt. Die Schreibweisen sollen die Ansicht des issenschaftlers wiederspiegeln, der sich mit der Art befasst hat. Und deshalb die Regeln, die ich auch (als Laie) befürworte.

Und leider sieht man gerade hier einen profitbedingten, sich mehr und mehr erweiternden, Krater zwischen dem, was die Wissenschaftler und die Vertreiber über ihr Angebot aussagen. Da soll man sich nicht so einfach darauf einlassen. :teacher:

MfG
Christina G



Zitat von »christinag«

Bei manchen in der Praxis angewandten DIngen wirst Du im Internet nicht fündig werden.
Ich meine eine Stelle im Code des ICZN, der ist massgebend.

Zitat von »christinag«

Wenn man die Absicht hat eine neue Art oder Variante zu definiieren, dann muss man (mindestens) ein räpresentatives Exemplar auswählen und als Typusexemplar ernennen.
Schon klar, und in der Erstbeschreibung muss angegeben sein, dass es sich um eine Variante oder Form handelt. Farbliche Abweichungen sind aber auch ein Kriterium für eine "Form".

Zitat von »christinag«

Man unterscheidet heute zwischen drei verschiedene Artbegriffe; der morphologische (nach Carl von Linne, wurde bis zum 1900-Jahrhundert verwendet), der biologische (stammt aus den 30-ern) und der phylogenetische Artbegriff (der in den 60-ern ausgearbeitet wurde und auch heute wissenschaftlich angewendet wird). Um eine Art heute zu definieren, muss man phylogenetische Studien unternehmen.
Die kenne ich, die Artbegriffe, ich habe schließlich meinen eigenen Artikel gelesen. ;)
Trotzdem: die Phylogenetik definiert keine Arten, sie ist gezwungen, auf Artbeschreibungen zurück zu greifen, die vorher durch eines der beiden anderen Konzepte definiert worden sind. Zwischen diesen "fremd definierten" Arten kann sie dann verwandtschaftliche Beziehungen feststellen, die auf speziellen Marker-Genen basieren. Das können die beiden anderen Konzepte nicht.
Dass man hier so gut darüber streiten kann liegt wohl daran, dass jedes der Konzepte für sich alleine nicht gut genug stehen kann und die Überschneidungen untereinander nicht 100% sind. Und dass jeder Ichthyologe das, was eine Art ist, persönlich beurteilen darf. Hinzu kommt, wie du schon angedeutet hast, dass die Händler gerne einmal neue Arten erfinden, weil sie Neues besser und teurer verkaufen können, als Altes.
Bitte mache Deine fällige Amazon-Bestellung über diesen Link und fördere so das Forum und dessen Wettbewerbe:

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Dienstag, 29. September 2009, 00:13

Das Problem mit der Genetik ist das, das wenn ein Untersuchungsobjekt, etwa eine mögliche neue Welsart, zu 25 % die Gattung Y zugehören scheint, aber zu 25% auch zu verschiedenen Arten innerhalb der Gattung X, dann wirds gleich nicht so einfach!

Und dann haben wir noch ein Dilemma: ein Faktor, der allgegenwärtig und immerwährend fortschreitet, und ihre Bahn in ganz andere Wege leitet als wir uns vorstellen können: Die Evolution. Sie läuft immernoch.

Garnelen haben, so sehe ich das, eine sehr hohe Entwicklungsgeschwindigkeit. Sie lassen sich leicht verpaaren und bilden Kreuzungen usw.. Also ist das ganze Geschlecht noch in der Artdifferenzierung. Guppys z.B., sind auch eine noch "junge" Art und weisen eine sehr hohe Veränderungsgeschwindigkeit auf, was auch in manch Artenbeschreibung erwähnt wird. MAGURRAN sagte 1998 das “Guppypopulationen sich besonders schnell entwickeln ... die Evolutionsgeschwindigkeit ist in ihrem Magnitud siebenmal so hoch wie die, die man vergleichsweise in fossilen Funden erkennen kann ...”

Alles also "zum heutigen Kenntnisstand" ...

Die richtigen Fragen stellen hilft auch nicht immer. Wir suchen nach runde Dinger und konstruieren dafür einen Test, der Diskusfische, Teller und Pfannkuchen einfängt. Aber finden wir dabei auch runde Kugeln?

MfG
Christina G
Artemia - a whole new dimension -

Verwendete Tags

Nomenklatur, Taxonomie